Irmi Seidl/Jörg Sommer: Die Rolle der Arbeit in der Postwachstumsgesellschaft

Samstag 25.1.2020

Irmi Seidl/Jörg Sommer: Die Rolle der Arbeit in der Postwachstumsgesellschaft

Erwerbsarbeit hat verschiedene Funktionen und ist für Menschen wichtig! Sie kann nicht einfach ersetzt werden:

Nach Senghaas wird dadurch: Individuelles Einkommen und damit die eigene Autonomie sichergestellt, es stärkt die soziale Anerkennung, gibt eine horizontale Zeitstruktur, stärkt die psychische Gesundheit; ermöglicht bürgerschaftliche Integration und Zugang zum Sozialsicherungssystem.

Warum sind Staat und Wirtschaft so fixiert auf Erwerbsarbeit? Sie ist wichtig für Steuereinnahmen, Sozialsicherung. Es besteht auch eine Dynamik über technischen Fortschritt und Produktivitätsfortschritt.

Wir sind in einer absurden Situation: Sie bringt technischen und Wachstumsfortschritt und gleichzeitig ersetzt sie Arbeit; dann brauchen wir wieder Wirtschaftswachstum, um neue Arbeit zu generieren.

Beispiel Digitalisierung: Der Produktivitätsfortschritt nimmt zunehmend ab. Das aber motiviert die Politik, noch mehr anzuschieben, weil sie glaubt, durch Innovation und Wachstum Arbeitsplätze zu retten.

Das Sozialsystem in Deutschland wird finanziert zu 2/3 der Beiträge aus Arbeitnehmer- und Arbeitgeber-Beiträgen, zu 1/3 aus allgemeinen Steuermitteln; es belastet also relativ stark das Einkommen: 65% des Staatshaushalts ist abhängig vom Erwerbseinkommen.

Was muss sich ändern, um den Begriff zu ändern: „Tätig sein“ als Alternative zum Erwerbsarbeitsbegriff: Dieses besteht aus allen möglichen Formen von Arbeit, die dem Menschen sinnvoll erscheinen.

Wirtschaftswachstum aus zwei Aspekten: Wachstum von Arbeitsproduktivität und Wachstum von Arbeit: Viel mehr Menschen sind heute in Arbeit und es wurden noch nie so viele Stunden geleistet, aber das macht keine größere Produktivität aus; das gefällt der Wirtschaft gar nicht.
Produktivität: Wie viele Menschen arbeiten wie viele Stunden und wie viel BIP produzieren sie damit? Erweiterte Begriffe: Kapitalproduktivität: Wie viel hat das Kapital beigetragen, dass mehr produziert wird.

Zu starker Fokus auf der Arbeitsproduktivität, obwohl Arbeit ziemlich teuer ist. 50% der Arbeitskosten sind Abgaben und Steuern, das macht sie so teuer. Dadurch entsteht der Anreiz, Arbeit ganz zu ersetzen. Das heutige Steuersystem führt also dazu, dass die Produktivität immer weiter angetrieben wird. Maßnahmen: Die Ökosteuer erhöhen – das müsste ein viel größerer Umbau sein – dagegen die Abgaben auf Arbeit reduzieren. In der Vergangenheit wurde die Arbeit immer stärker belastet, die Besteuerung von Kapital hat sich immer weiter reduziert und Rohstoffe sind ungefähr gleich belastet auf niedrigem Niveau geblieben. Ziel müsste sein, diese hohe Belastung von 65% zu reduzieren auf z.B. 30%.

Formen von Arbeit: Ehrenamtsarbeit, Sorgearbeit etc. sind nicht im BIP; aber es gibt jetzt eine Erhebung, die diese Arbeit ins Verhältnis setzt zum BIP

Verhältnis Erwerbsarbeit zu anderen Formen: Es wird sehr viel ehrenamtliche Arbeit geleistet. Das macht ca. 2/3 des Wertes des BIP aus!
Wir reden nur von Umweltbesteuerung/Ökosteuern, sollten aber genauso die Besteuerung von Maschinen ins Auge fassen.

Reinhard Sachs: Arbeit ist für die Industrie ein Kostenfaktor, für Arbeitnehmer oft die einzige Möglichkeit eine Lebensgrundlage zu schaffen. Arbeit wird billiger gemacht durch Minijobs: die Leute müssen dann aufgestockt werden, um über die Runden zu kommen, d.h. letzten Endes muss das wieder die Gesellschaft zahlen, die Mittel also auch wieder aus Erwerbsarbeit aufgebracht werden (Steuersystem): Die echten Kosten der Arbeit – Ausbildungskosten, Infrastruktur etc. – werden der Gesellschaft aufgebürdet, weil die Firmen keine Steuern bezahlen wollen. Das ist ein Widerspruch, der mit dem Hinweis: „die Arbeit ist zu teuer“ zu kurz springt. Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen!
Warum wird Industriearbeit besser bezahlt als Soziale Arbeit? Theorie von Baumol . Die baumol‘sche Kostenkrankheit: Baumol ist ein amerikanischer Ökonom. Die Industriearbeit kann man mit technischem Fortschritt effizienter machen; der Produktivitäts-Gewinn wird z.T. auf die Löhne der Arbeiter aufgeschlagen. In den Sozialberufen gibt es wegen schlechter Messbarkeit und Rationalisierbarkeit wenig bis keine Effektivitätssteigerungen: Dasselbe gilt für die Landwirtschaft.

Anfrage: Macht ein Einheitseinkommen Sinn? – Es würde zumindest diese Problematik nicht auflösen!

Erwerbsarbeit darf nicht mehr die hauptsächliche Anspruchsgrundlage sein für die Sozialversicherungsfinanzierung

BIP ist eigentlich nur Buchhaltung, aber wir leiten daraus unendlich viele Dinge ab; das ist das Problematische dran!

Wir senken die Produktivität durch Bürokratie und Formalismus

In Alaska gehört der Boden den Inuit: Exxon zahlt für die aus dem Boden geholten Bodenschätze (Erdöl) 1.000.– Dollar pro Inuit. Naturnutzung müsste allgemein vergütet werden.

Je mehr wir die Geldsphäre verkleinern, umso mehr werden wir krisenfest.

Anfrage: Wie weit wird durch Erwerbsarbeit überhaupt noch die psychische Gesundheit gefördert? Bei der Produktivitätssteigerung wird eher der psychische Druck so gesteigert, dass die psychische Gesundheit auf der Strecke bleibt

Impulse für die Weiterarbeit: Zur Wichtigkeit der Arbeit: Das aktuelle Verständnis von Arbeit funktioniert in der Postwachstumsökonomie (PWÖ) nicht:

Gewerkschaften, IG Metall ist gerade an einem Punkt der Verunsicherung angekommen, um für neue Ideen offen zu sein. Das könnte für die ÖDP fruchtbar sein.

Wertschätzung von Arbeit läuft nicht mehr über Lohn alleine; sie muss die Erfahrung des Menschen als wertvollen Bestandteil der Gesellschaft bestätigen! Das hängt aber damit zusammen, wie seine Arbeit definiert wird. Es ist die Frage nach einem neuem Verständnis.

Frage: Welche Strukturen brauchen wir, damit andere Formen von Arbeit wertgeschätzt werden?

Präsentation der Ergebnisse des Workshops

Irmi Seidl/Jörg Sommer: Rolle der Arbeit in der Postwachstumsgesellschaft:

Was war uns im Workshop wichtig:

  • Bisher: Arbeit als Hauptfinanzierungsquelle des Staates
  • Zukunft: Entlastung der Arbeit und Belastung von Maschinen und Ressourcenpolitik

Fragen:

  • Wie können wir soziale Sicherung von Erwerbsarbeitseinkommen entkoppeln?
  • Wie sieht unser Verständnis von Arbeit in der Postwachstumsgesellschaft aus?

Impulse und Forderungen:

  • Entkoppelung Arbeit und Sozial-Steuer- und Abgaben-System
  • Vernetzung mit anderen gesellschaftlichen Gruppen zu Verständnis von Arbeit
  • Derzeitige Hauptfinanzierungsquelle des Staates: Über die Arbeit
  • Arbeit muss also als Finanzierungsquelle entlastet werden
  • Wie können wir soziale Sicherung von Erwerbsarbeit entkoppeln?
  • Wie sieht unser Verständnis von Arbeit in der Postwachstums-Gesellschaft aus?
  • ÖDP sollte sich mit anderen Gruppierungen vernetzen, z.B. Gewerkschaften.