Christian Kreiß: Warum wir so viel arbeiten müssen

Samstag 25.1.2020

Christian Kreiß: Warum wir so viel arbeiten müssen:

John Maynard Keynes: Maschinen werden immer effizienter und deswegen werden wir immer weniger arbeiten müssen. Keynes hat Recht gehabt mit der Effizienz, aber komischerweise nicht mit der Arbeit.

Alle denken: Wir müssen weniger arbeiten! Aber es passiert nicht – warum?

Frage: Wie viel Potenzial hätten wir eigentlich?

Stundenproduktivität Deutschland 1980 – 2005: +66%

Ein Problem: Die steigende Formularwut von ursprünglich 4:1, d.h. 4 in der Produktion und einer in der Verwaltung hat sich verschoben auf 2:1.
Wir haben sensationelle Möglichkeiten, aber wir verwenden sie nur zur Profitmaximierung und lutschen damit die Verbraucher aus.

Die Pharma-Industrie steht ganz dumm da, wenn wir alle gesund sind. Ein Beispiel: Eine MS-Patientin, 45 Jahre, im BR-Interview: Sie ist Wirtschaftsjournalistin, hat mit 22 Multiple Sklerose bekommen, ist austherapiert und geht jetzt auf den Tod zu. Ihr Kommentar: Die machen alles, damit sie therapiert wird; für die Pharmazeutische Industrie sind das die besten Kunden: Jede Woche sündhaft teure Medizin! Und sie geben keinen Cent aus für die Ursachenerkundung von MS! Wissenschaftler der LMU München wollen darüber forschen, bekommen aber kein Geld dafür!

„Die wären doch blöd, wenn sie an den Ursachen von Multiple Sklerose forschten, da sägen sie doch ihren eigenen Ast ab!“ (Kreiß)

25% des Umsatzes ist für Werbung; sie geben nicht halb so viel für Forschung & Entwicklung aus, d.h. für neue Produkte. Mit anderen Worten: Sie halten Patienten krank, weil sie daran verdienen: „Gewinnmaximierung heißt Gewinnmaximierung; und nicht: Menschen gesund machen!“ (Kreiß)

Warum nutzen wir nicht die grandiosen Möglichkeiten, um unsere Arbeit zu reduzieren?

Antwort: Weil wir immer mehr haben wollen.

Der Zinseszins ist exponentiell – die Vermögensverteilung ebenfalls! Das hängt zusammen.

Gewinnmaximierung als Wirtschaftsprinzip ist völlig ungeeignet, weil man dann immer darauf aus ist, mehr abzusetzen; die Folge: Geplante Obsoleszenz: Alles muss so schnell wie möglich kaputt gehen und auch die Reparierbarkeit muss erschwert sein. Für uns als Verbraucher bedeutet das: 110.– € pro Monat werden uns auf diese Art und Weise aus der Tasche gezogen; das kostet uns nur mehr Geld, wir haben aber nicht mehr in der Tasche. Dahinter steckt, dass die Gewinne steigen. Geplante Obsoleszenz ist eine versteckte Steuer auf alle Verbraucher und die Umwelt zum Vorteil von wenigen Unternehmenseigentümern.

„Wer glaubt, dass sich etwas Unsinniges von selbst abschafft, ist grenzenlos naiv.“ (Kreiß)

Jeremy Bulow: Geplanter Verschleiß ist ein reines Wettbewerbsproblem:

Vier Grundannahmen:

  • Kunden handeln rational und sind bereit, nur einen Preis in Höhe von maximal den diskontierten Gegenwartswerten aus den künftigen Nutzungen des Produkts zu bezahlen
  • Es liegt vollkommene Information bei allen Beteiligten vor. Insbesondere kennen Kunden bei jedem Kauf die genaue Lebensdauer der Produkte
  • Unternehmen haben von der Kostenseite her keinen Anreiz, Schundprodukte herzustellen
  • Kunden nehmen an, dass Unternehmen keine Produkte mit niedriger Lebensdauer herstellen

Auch Wikipedia folgt dieser Lüge: Kreiß hat unter „geplanter Verschleiß“ bestimmte Wahrheiten nicht einstellen dürfen, d.h. bis heute haben wir nur lückenhafte, einseitige Darstellungen.

politische Ansätze zur Verbesserung:

  1. Modifiziertes Energielabel:
    1. voraussichtliche Lebensdauer
    2. Wie leicht reparierbar?
  2. Verlängerung der Gewährleistungsfristen (3-5 Jahre)
  3. Beweislastumkehr nach 6 Monaten aufheben
  4. Minimum-Vorhaltefristen für Ersatzteile (4 Jahre)
  5. Gesetz wie in Frankreich: Kriminalisierung

Warum wird das nicht eingeführt? Der politische Wille ist nicht vorhanden.

Werbung ist in den meisten Fällen völlig inhaltsentleert. Es gilt die Regel: Je mehr informiert wird, desto mehr geht der Umsatz zurück.

Werbung informiert also nicht, kostet aber 25% des Gesamtproduktpreises, d.h. das Produkt könnte 25% billiger sein! Je mehr Werbung, desto teurer werden die Produkte – die Kosten werden auf den Preis aufgeschlagen.

Wenn informiert wird, dann ist dies einseitig, d.h. irreführend.

„Fundamentaler Attributionsirrtum“: Marlboro hätte etwas mit Freiheit und Natur zu tun; das ist kein Irrtum, sondern bewusste „Attributionsirreführung“!

Sämtliche Kosmetikwerbung lügt

Deutscher Werberat: „Reine Lobbyorganisation. Sofort abschaffen wegen Befangenheit – reine Lüge!“ (Kreiß)

Politische Forderung:

Keine Kinderwerbung

Keine steuerliche Abzugsfähigkeit von Werbeaufwand bei kommerzieller Werbung gewinnorientierter Unternehmen

Initiative Volksentscheid Berlin werbefrei; Initiative Deutschland werbefrei

In der Luxusbranche ist unendlich viel Geld vorhanden, das dann an anderer Stelle fehlt

Wenn wir Werbung und Bullshit-Jobs einsparen – planned obsolescence, dann hätten wir jährlich 4 Wochen mehr Urlaub ohne ein Produkt weniger

Ziel: Menschen abbringen von ihrer Bestimmung: Das Wahre, Schöne, Gute; Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Stattdessen: Homo Faber

Advocatus diaboli: Wie muss man die Dinge einfädeln?

Haupteffekt (behauptet) vs. Nebeneffekt (was dahinter steckt):

Computerspiele: Freizeitgestaltung vs. Desensibilisierung: „Entmenschlichung“

Fernsehsender: Information vs. Manipulation (wenige Familien, die Meinung machen)

Zeitschriften: Information vs. Manipulation (s.o.)

Werbung: Information vs. Manipulation (s.o.)

Unterhaltungsindustrie: Freizeitgestaltung vs. Manipulation (s.o.)

Pharmaindustrie: Gesundheit vs. Gewinnmaximierung

Mephisto-Prinzip: Die Verführung angeblich nur im Sinne des Kunden, in Wirklichkeit nur, um ihm das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Aber es steckt noch etwas anderes dahinter:

Computerspiel: Fortnight, ein Killer-Spiel, von 100 überlebt einer. Killerspiele hat die US-Army eingesetzt vor dem Irak-Krieg, um Empathie zu zerstören – wir sollen entseelt werden – tierischer als jedes Tier

==> Menschen sollen „entmenscht“ werden

Viele dieser Prozesse können nicht mehr nur mit Gewinnmaximierung erklärt werden. Marktkräfte lassen Killerspiel Fortnight bereits für 10 -12-jährige zu, um mit 15 GTA (Grand Theft Auto) zu spielen, wo Punkte für Vergewaltigung und Mord vergeben werden.

Mord wird gerechtfertigt z.B. an iranischem General: CDU-Politiker, die sich darüber freuen

Es geht letztlich um ethisch-moralische Fragen: Die Gesellschaft ist immer egoistischer geworden, immer aggressiver: Die Unterhaltungsindustrie hat in den letzten 20 Jahren immer egoistischere Botschaften propagiert: Du darfst alles, hast ein Recht auf alles etc.

Andere Frage dazu: Was ist, wenn jetzt die Menschen mehr Zeit haben? Was machen die Menschen jetzt mit ihrer Freizeit? Kreiß: Dahinter steht die Frage: Wie wollen wir leben? „Politik und Wirtschaft denken sich: Hoffentlich nicht! (mehr Zeit für die Menschen; Anm. d. Verf.) Dann kommen die doch drauf, was wirklich zählt!“

Werbung versus Moral und Religiosität:

Treibt Menschen in Gier und Haben statt Sein

Empfindung für Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit wird zerstört

Respektlosigkeit, Empfindung für Anstand und Menschlichkeit wird zerstört

Angriff auf Grundwerte: Christentum und Religiosität

Jesus: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!“ → Werbung greift genau das an: Mephisto-Prinzip
→ Es geht immer auch um die Werte

Wie kommen wir raus? – Wege in eine menschliche Wirtschaft

Feststellen, dass die ökonomischen Werte falsch sind:

unser System ist verantwortungslos, unethisch, gefährlich.

Ökonomen erziehen zur Verantwortungslosigkeit

Abgabe auf Nicht-Arbeitseinkommen (Freibetrag € 2 Mio.?):

A) Auf nicht selbst genutztes Bodeneigentum: 3% p.a.

B) Unternehmensanteile → Stiftungen (Bosch, Mahle, Zeiss, ZF Friedrichshafen usw.) und Genossenschaften

C) Einführung von Freigeld, Umlaufsicherung, alterndes Geld, Bsp. Chiemgauer

D) Senkung der Sozialabgaben und Lohnsteuer für Kleinverdiener

Auflösung des Filzes:

Trennung von:

  • Wirtschaft
  • Staat/Politik (Lobbyismus, Parteispenden, Postenwechsel in die Industrie etc.)
  • Kulturleben (Medien, Schulen usw.)

Konkret:

  • Bannmeile für Lobbyisten um den Bundestag dazu: Lobbyregister (das allerübelste in unserem Land)
  • Karenzfristen bei Postenwechsel
  • Gutscheine für Schüler und Studenten
  • Keine gewinnorientierten Medien

Was können wir tun:

  • Mehr werbefrei
  • Keine Kinderwerbung
  • Werbung verteuern
  • Werbeverbote

unnötiger Konsum:

Joseph Beuys: „Wenn wir mit einem etwas wachen Auge durch die Straßen laufen und in die Schaufenster schauen: 90% aller Produkte brauchen wir nicht und sie sind uns sogar schädlich.“ (1985)

Soziale Verantwortung und Freiheit liegt bei jedem Einzelnen:
→ Wo kann ich auf Unnötiges verzichten?
→ Wie kann jeder Einzelne zum Guten wirken?

Umgang mit Kapital und Zinsen:

Was macht die Bank mit meinem Geld? Wo legt sie es an?

„Ihr Geld arbeitet für Sie“ = falsch

Von Geld kann man nicht leben, man lebt immer von der Arbeit anderer Menschen

Anspruchsdenken, Rechte und Pflichten:

Sich bewusst machen:

Alles, was man von der Gemeinschaft in Anspruch nimmt, alles was man beitragen könnte und nicht beiträgt, bewirkt, dass alle anderen mehr arbeiten müssen

  • Mut
  • Kraft
  • Aufrichtigkeit
  • Sinnvolle Arbeit:
  • Zeit für die Natur: Renaturierung der Landschaft
  • Zeit für Kinder
  • Zeit für Freunde
  • Zeit für Senioren
  • Zeit für Kultur, für das Wahre, Schöne und Gute: Fürs Menschsein

Wenn wir weniger arbeiten – wer finanziert das?

Bodensteuer anheben, behutsam, dann hätten wir schon die ersten Milliarden

Wenn der Wille da wäre und wenn die Wahrheit bekannt wäre, könnten wir ganz viel machen, d.h. wir müssen langsam umsteuern
Werbung einsparen, dann werden etliche Milliarden an unnötigen Kosten gespart

Gegen geplanten Verschleiß die Labels einführen, damit nur noch sinnvolle Produkte auf den Markt kommen
Ordentliche Grunderwerbssteuer einführen

Kreiß: Für Bedingungsloses Grundeinkommen: Entweder grandios scheitern oder eine Revolution

Wir brauchen eine Speerspitze, die vorangeht: ÖDP könnte diese Speerspitzenfunktion ausfüllen

Freibetrag bei den Sozialabgaben auf 1000.– € anheben Für untere Einkommensgruppen brutto = netto. Dann könnten die ebenfalls drüber nachdenken, weniger zu arbeiten.

Auswertungsphase:

Die Auswertungsphase wurde in den Workshops durch drei vorgegebene Fragen auf Flipchart vorbereitet, an die sich die einzelnen Gruppen jedoch unterschiedlich genau gehalten haben:

Was war uns im Workshop wichtig?

Zwei Fragen, die sich daraus ergeben.

Einen Impuls für die Weiterarbeit am Thema.

Präsentation der Ergebnisse des Wirkshops

Christian Kreiß: Warum wir so viel arbeiten müssen?

Was war uns im Workshop wichtig:

  • Keynes: Eigentlich könnten wir unseren Lebensstandard bei fortschreitender Produktivität halten und immer weniger arbeiten
  • Unnötige Arbeit: Bullshit-Jobs
  • Geplante Obsoleszenz: Kaufkraft fließt ab von 110.– € pro Monat
  • Möglichkeit: Neues Label mit entsprechenden Kriterien: z.B. Ware konzipiert für 190 Stunden
  • Gewisser Grad von Kriminalisierung für Verstöße oder schlechte Leistungen
  • Stundenproduktivität zw. 1980 und 2005 um 66% gestiegen
  • Verbot von Werbung kontrovers diskutiert

Fragen:

  • Was kann man als politische Optionen entwickeln, um ein politisches Konzept daraus zu gießen?
  • Zum Mephistoprinzip – Verführung: Was ist die Ursache und was können wir dagegen tun?